Samstag, 2. Januar 2021

[Rezension] Vardø - Nach dem Sturm I Kiran Millwood Hargrave

 

 

 

 

Autor: Kiran Millwood Hargrave

Titel: Vardø - Nach dem Sturm

Verlag: Diana

Ausgabe: Hardcover

Übersetzt duch Carola Fischer




Buchinfo

Vardø, Norwegen am Weihnachtsabend 1617. Maren sieht einen plötzlichen, heftigen Sturm über dem Meer aufziehen. Vierzig Fischer, darunter ihr Vater und Bruder, zerschellen an den Felsen. Alle Männer der Insel sind ausgelöscht – und die Frauen von Vardø bleiben allein zurück. (Quelle: Lesejury)

Anfang

Im Namen des Königs

Jeder Zauberer oder Gläubige, der Gott sowie sein heiliges Wort und das Christentum opfert und einen Bund mit dem Teufel eingeht, soll mit dem Tode bestraft und auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden.

Aus dem dänisch-norwegischen Trolddom

(Zauberei) Dekret von 1617, 1620 in Finnmark in Kraft getreten

Meine Meinung

Als am 24. Dezember 1617 ganz plötzlich ein Sturm aufzieht, ändert sich für die Bevölkerung der kleinen Insel Vardø alles. 40 Männer, die mit ihren Booten rausgefahren sind um einen Wal zu fangen, sterben. Von diesem Tag an sind die Frauen von Vardø auf sich allein gestellt und müssen sich selbst um ihr Überleben kümmern. Doch dieses Verhalten wird von der Kirche nicht gern gesehen und so werden ein Kommissar und ein Lensmann auf die Insel geschickt, die ihre ganz eigene Erklärung für diesen plötzlichen und tödlichen Sturm haben. Hexerei. Und schon bald soll für die Frauen nichts mehr so sein, wie es mal war...

In einigen Punkten beruht der Roman auf wahren Begebenheiten. So gibt es die Insel Vardø, es gab den Sturm und John Cunningham wurde tatsächlich von König Christian IV in Vardøhus eingesetzt. Insgesamt brachte er es zu 52 Hexenprozessen, bei denen 91 Menschen getötet wurden. 

Das Buch ist in drei große Abschnitte eingeteilt. Sturm. Dort lernt der Leser Maren und Ursa kennen. Maren lebt auf Vardø und Ursa in Bergen. Beide Damen wissen nichts von der Existenz der anderen. Wir begleiten Maren während und nach des Sturms in ihrem harten Leben und Ursa, die mit ihrer kranken Schwester von einem wundervollen Leben nach der Heirat mit Absalom Cornet träumt. Ankunft. Was Ursa nicht wusste, ihr Mann wird als Kommissar auf Vardø eingesetzt und sie zieht mit ihm um. Statt einem gemütlichen Leben als Gattin eines angesehenen Mannes erwartet sie nun also eine entbehrungsreiche Zukunft in Dreck und Hunger. Dort laufen dann auch die Fäden der beiden Frauen zusammen und sie freunden sich an. Jagd. Als 1620 das Dekret in Finnmark in Kraft tritt, kommt es zu Lügen, Denunzierungen der Frauen untereinander und Hexenprozessen mit anschließendem Tod durch Feuer.

"Ich kann mich noch gut erinnern, dass Runen dir einmal Trost gespendet haben, dass Seeleute zu meinem Vater kamen, damit er ihnen etwas über ihre verbleibende Zeit auf Erden weissagte. Runen sind eine Sprache, Maren. Nur weil du sie nicht sprichst, ist sie noch lange kein Teufelswerk."
(Seite 331)

Ich muss gestehen, dass ich mir etwas mehr von dem Roman erhofft habe. Auf dem Buchdeckel stehen Dinge wie "wunderschön und atemberaubend" oder "ein intensiver und poetischer Roman". Die Geschichte an sich ist gut geschrieben. Ich kann mir die Umgebung vorstellen, die Beschreibungen der einzelnen Figuren und Gegenstände sind durchaus in meinem Kopf zu einem Bild geworden, aber insgesamt plätschert der Roman doch ziemlich spannungslos dahin, bis es "endlich" zu der Hexenjagd kommt. Einzig diese gibt dem Buch eine Wendung und eine wahnsinnige Spannung, die ich vorher vermisst habe.

"Sie haben ihnen nichts von den Fischfängen erzählt?" Maren kann ihre Überraschung nicht verbergen.
"Es ist keine Sünde, sich selbst zu ernähren", sagt Pastor Kurtsson.
(Seite 364)

Natürlich spielt diese Geschichte zu einer Zeit, in der das Leben deutlich anders lief als heute - 400 Jahre sind ja für uns Menschen kein Pappenstiel - aber es hätte sicherlich nicht so extrem in die Länge gezogen werden müssen. Dadurch fehlte mir persönlich oftmals der Ansporn zu lesen (oder noch ein Kapitel und noch eins, obwohl man schon aufhören wollte), weswegen ich eine kleine Ewigkeit für die 423 Seiten brauchte.

Ich mochte die Beschreibungen, wie sich zwischen Maren und Ursa ein tiefes Band der Freundschaft knüpfte. Die Ehefrau des Kommissars und die Schwägerin einer "Lappin" - unterschiedlicher hätte es kaum sein können. Es ist alles sehr ruhig, unaufgeregt und langsam, so wie man es sich vorstellen kann zu Zeiten, da Frauen nichts zu sagen hatten und in ewiger Angst leben mussten. Von den beiden geht eine Rebellion im Geheimen aus, von der niemand etwas ahnt - und wohlmöglich auch niemals erfahren wird. 

Doch jetzt weiß sie, wie es war, zu glauben, dass das Böse nur dort draußen herrsche. Das Böse war hier, unter ihnen, es hatte zwei Beine und fällte Urteile mit menschlicher Zunge.
(Seite 375)

Das Ende ließ mich etwas unentschlossen zurück. Es handelt sich um ein halboffenes Ende - es wird nicht ausgesprochen was schlussendlich passiert, aber denken kann man es sich. Gelesen hätte ich es aber schon gerne, da theoretisch auch noch etwas anderes passieren könnte. Da ich nicht spoilern möchte, werde ich nichts weiter dazu sagen, außer, dass jedes andere Ende in meinen Augen das falsche gewesen wäre. In dem Punkt hat die Autorin (für mich) alles richtig gemacht.

Fazit

Ein Buch, das stellenweise auf wahren Begebenheiten beruht und eine ganze Weile sehr ruhig und unaufgeregt daher kommt. Dies machte es mir schwer lange am Ball zu bleiben. Das änderte sich schlagartig, als der Abschnitt "Jagd" begann. Ab da konnte ich es nicht mehr aus den Händen legen.

Wer eher etwas ruhigere historische Romane mag, bei denen das einfache Leben und die Umgebungen detailreich beschrieben werden, ist hier genau richtig. Wer durchgehend Spannung und Aufregung sucht, sollte zu etwas anderem greifen.

Insgesamt hat mir der Roman gut gefallen, aber dem Umstand, dass es lange dauerte bis er mich wirklich packte, fallen leider zwei Sterne zum Opfer.

Bewertung

3 Sterne

Ich danke dem Verlag für dieses Rezensionsexemplar! Dass mir das Buch zur Verfügung gestellt wurde beeinflusst weder meine Meinung, noch meine Bewertung.

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