Donnerstag, 29. Oktober 2020

[Rezension] Cleanland I Martin Schäuble





Autor: Martin Schäuble
Titel: Cleanland
Verlag: Fischer Kinder- und Jugendbuch
Ausgabe: eBook


Buchinfo
Die 15-jährige Schilo wohnt in Cleanland – dem Land der Reinen. Dank moderner Technik und strenger Gesetze sind die Menschen hier geschützt vor Krankheiten aller Art. Nur eine einzige registrierte Freundin zu haben, rund um die Uhr überwacht zu werden und die eigene Großmutter nur durch eine Glasscheibe zu sehen – für Schilo ist das in Ordnung, Gesundheit hat nun mal ihren Preis. Doch dann erfährt die Familie ihrer Freundin die Härte des Regimes. Und Schilo verliebt sich in Toko, einen der Cleaner, die nachts Straßen und Gebäude desinfizieren müssen. Da begreift sie, wie hoch der Preis wirklich ist. Was ist wichtiger: die Gesundheit – oder die Freiheit? (Quelle: Lesejury)

Anfang
Die fünf Gesetze der absoluten Reinheit (Gar)
 
1. Reinheit bietet Schutz
2. Berührung ist gefährlich
3. Abstand führt zu Sicherheit
4. Kontrolle dient der Gesundheit
5. Gesundheit ist wichtiger als Freiheit
 
Ministerium für Reinheit

Meine Meinung
Ich denke nicht, dass ich extra erklären muss, warum ich dieses Buch gerne lesen wollte. Unsere momentane Situation ganz massiv weitergesponnen - das klingt doch wahnsinnig spannend. Da im Buch selbst immer nur von der "großen Pandemie" gesprochen wird, lässt es sich beliebig auf jede Krankheit in der Form anwenden. 
 
Der Leser begleitet die 15-Jährige Schilo in der sozialen Isolation. Sie lebt zusammen mit ihrer Mutter und ihrer Oma in einer Wohnung in einem Hochhaus. Ihre Mutter arbeitet im Ministerium für Reinheit und ihre Oma sitzt in einem Zimmerlein, das mit einer Glasscheibe von der Küche getrennt ist. In diesem "Raum der Einsicht" sitzt die Oma quasi in einer Quarantäne auf Lebzeit. Sie kommt nicht hinaus und auch niemand zu ihr hinein (bis auf der Cleaner nachts). Diesen Zustand hat sie freiwillig gewählt, da sie auf Grund ihres Alters noch gefährdeter ist als der Rest. Schilos Mutter arbeitet viel und lange und so hat sie nur die Glasscheiben-Gespräche mit ihrer Großmutter oder reale und digitale Treffen mit Samira - Schilos eingetragener Kontaktperson. Lediglich zu dieser Person darf außerhalb der Familie Kontakt bestehen und reale Treffen stattfinden. 

Doch wie alle Teenager unternehmen auch die zwei Mädchen gerne Dinge zusammen. So gehen sie regelmäßig joggen (natürlich nur auf vorher gebuchten Routen) oder in die Disco zum Tanzen - auch hier immer mit Protector, Gesundvisier und auf gebuchten Plätzen mit Abstand zu den anderen Gästen. Das versteht sich ja von selbst. Bei einem Besuch in der Disco passiert es - Schilo stürzt und ihr Protector (so etwas wie ein Ganzkörper-Schutzanzug) reißt am Knie. Sofort geht ein Alarm los und da niemand so genau weiß wann das passiert ist, werden alle Gäste der Tanzhalle in Quarantäne geschickt. Nachdem auf den Controllern aber festgestellt wird, dass niemandem etwas passiert ist, wird diese schnell wieder aufgehoben. Was für ein Glück, dass diese Mischung aus Armband und Uhr 24/7 die Vitalwerte überwacht!

Sowohl ihre Oma, als auch Samira sind kleine Rebellen was das System betrifft. So lassen beide zwischendurch den Nachtheiler aus. Dabei handelt es sich um eine Pille, die den Anwender in einen gesunden Schlaf versetzt und mit deren Hilfe sich der Körper viel schneller regenerieren kann. Schilo ist entsetzt als sie davon hört, probiert es aber aus und lernt Toko kennen und lieben. Dabei handelt es sich um den Cleaner, der nachts ihre Wohnung desinfiziert. Leider ist ihnen der Kontakt verboten, da die Cleaner nur eine kleine Stufe über den Bewohnern der Sicklands stehen. Bei den Sicklands handelt es sich um das Pendant zu Cleanland. Dort gibt es keinen Abstand, keine Protectoren, Gesundvisiere oder Desinfektionsmittel. Das bedeutet absolute Lebensgefahr. Oder?

Ausgerechnet dieser Junge bringt Schilos vermeintlich sicheres Weltbild ins Wanken und zeigt ihr neue Wege auf. Wird sie diese beschreiten oder hängt sie doch zu sehr in den Gesetzen der absoluten Reinheit fest?

Ich war so wahnsinnig gespannt auf die Geschichte, dass ich eventuell mit zu großen Erwartungen an das Buch herangegangen bin. Der Beginn hat mir wahnsinnig gut gefallen, auch wenn es ein bisschen gedauert hat, bis ich mir alle beschrieben Hilfsmittel (Protector, Gesundvisier usw) wirklich bildlich vorstellen konnte.

Martin Schäuble tut viel dafür, dass sich der Leser in diese extreme Welt reinfühlen kann. Nach einem etwas holprigem Start lief das Gelesene wirklich wie ein Film vor meinem inneren Auge ab. Ich konnte sehen wie alle mit riesigem Abstand zueinander unterwegs sind (die Straßen müssen da wirklich leer sein) und dabei Anzüge tragen, die ich mir ein bisschen wie diese weißen Maleranzüge vorgestellt habe.
Zu Zeiten von Smartwatches war auch diese Armband-Uhr-Vitalwertchecker-Smartphoneersatz-Mischung kein Hindernis oder auch die Visiere, mit denen manche Menschen momentan (leider) rumlaufen waren klar. Aber auch öffentliche Desinfektionsboxen, die außerhalb der Wohnung überall frei zugänglich und kostenlos stehen, oder die Drohnen, die nachts die Straßen mit Desinfektionsmittel besprühen bildeten sich gedanklich sofort in meinem Kopf ab.

Während all das wirklich wahnsinnig gut und sehr ausführlich beschrieben war, ging es ab dem Moment als Schilo Toko kennenlernt viel zu rasant. Da war dann die Sache mit Toko, aber auch mit Samira und deren Bruder Oskar, Schilos Mutter und ihr eigenes Gefühlschaos mit sich und ihrer Einstellung, was einfach zu konstruiert und zu flach auf viel zu wenig Seiten runtergehauen wurde. Es machte fast den Eindruck, als wenn der Autor zwingend hätte fertig werden müssen und nicht mehr so viel Zeit wie für den Anfang hatte.

Fazit
Ein Buch, das zum Nachdenken anregt, da es unsere momentane Situation extrem weitergesponnen hat. Könnte uns das auch passieren?
Während ich zu Beginn wirklich begeistert war, wurde ab einem gewissen Punkt das ganze Potenzial der Geschichte verschenkt. Anstatt auf dem Niveau vom Anfang zu bleiben, wurde der Autor viel zu flach, konstruierte die Handlung und machte es allen Beteiligten viel zu einfach. Bei manchen Dingen hätte ich mir auch einfach eine Erklärung oder mehr Information drüber gewünscht.
Wäre da einfach "mehr" gewesen, hätte ich sicherlich gerne vier oder fünf Sterne gegeben - das ist so leider nicht möglich. Schade!


Ich danke dem Verlag und Netgalley für dieses Rezensionsexemplar! Dass mir das Buch zur Verfügung gestellt wurde beeinflusst weder meine Meinung, noch meine Bewertung.

1 Kommentar:

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